Hmmm, jetzt ist es so weit, ich muss euch meine geheime Affäre gestehen, seit heute ist sie aber auch irgendwie vorbei, vielleicht habe ich daher heute Lust es zu beichten. Letztens habe ich ja schon mit einem Verkehrs-Polizisten einen Augenflirt gehabt, jetzt ist – besser war, seit heute ist es ja endgültig aus – es eine Verkehrs-Assistentin, Ecke Nanjing Xi Lu/Huashan Lu steht sie jeden Tag, manchmal morgens, manchmal nachmittags, und weist – nein wies, schluchz, schluchz – mir den Weg zum Glück.
Zum ersten Mal traf ich sie morgens, am ersten Praktikumstag, auf dem Weg zur Arbeit lege ich die letzten 50 m vor der U-Bahn Station mit dem Fahrrad entgegen der Fahrtrichtung auf einem Teil der Straße zurück, den niemand benutzt, er ist immer leer, kein Auto, selten Fahrradfahrer, ganz selten Fußgänger, von weitem sah sie mich, erbost, mit ernstem Blick in ihre laute Pfeife trillernd traf sie mein Herz, absteigen sofort, und niemals mehr den Versuch starten entgegen der Fahrtrichtung Fahrrad zu fahren, …, den Rest nahm ich nicht mehr war, da mich ihre weiß glänzenden Handschuhe – die jeden Morgen und jeden Nachmittag auf der Nanjing Xi Lu aufs neue (Achtung Schleichwerbung) perlweiß den Weg weisen – vollkommen in ihren Bann zogen, ihre Mimik, ihre Gesten, ihre Ausdrucksstärke beim Regeln der Fußgängerströme, voller Ernsthaftigkeit und mit lauter Pfeife, selbst wenn kein einziger Fußgänger an der Ampel steht, Wahnsinn, diese Grazie und Körperspannung, genial, die Konzentration im Gesicht, unschlagbar, ich war hin und weg.
Naja, wir trafen uns häufiger, quasi jeden Tag, nur am Wochenende nicht, langsam wurde es zum Spiel, immer zärtlicher von ihrer Seite aus, bis wir uns nach ein paar Wochen mit einem kurzen Blick in unserer beider Augen einig waren, dass ich bis zur Kreuzung das Fahrrad fahren darf und erst absteige, wenn ich es auf den Gehweg schiebe, ich dachte, ich hätte sie erobert, doch weit gefehlt, vielleicht hatte sie Reuegefühle, wegen wem oder weshalb, weiß ich nicht, plötzlich kam sie auf mich zu, von ihrem Standplatz auf den Gehweg, die Straße für eine halbe Minute unbeaufsichtigt, um mir zu sagen, no bycicle here, no bycicle here, sie war böse, das merkte ich, nichts war mehr wie vorher, jeden Morgen, jeden Nachmittag mehr Gepfeife, kein Blick in die Augen mehr, nur mehr ein ernster Blick ins Nirgendwo der Nanjing Xi Lu.
Doch es kam noch schlimmer, ein neuer Liebhaber wahrscheinlich, der Polizist der Kreuzung, normalerweise ein ruhiger Junge, mich beobachtend, aber nie eingreifend, meine Turteleien erduldend, heute gar ganz wütend, von Weitem sah sie mich, ihre laute Pfeife wie beim ersten Male, als sie mich direkt ins Herz traf, dann dazu der Polizist, eine noch lautere Pfeife, blaue Uniform, die Straße vernachlässigend, in meine Richtung sprintend, auf den Gehweg, ihr neuer Liebhaber, ich bin sicher, no bycicle, no bycicle.
Es ist also aus, endgültig, eine extra Runde drehen kostet Zeit, morgen also auf dem Gehweg die letzten 50 m, da ist es zwar eng und die Fußgänger müssen ausweichen, es ist verboten dort zu fahren, aber zumindest bei den Chinesen meckern sie nicht rum.
Vielleicht suche ich mir ja jemanden Neuen, habe da auch schon einen Favoriten. Zwei Kreuzungen vorher, jeden Morgen ist er da, Verkehrs-Assistent auch er, eine tolle Sonnenbrille, selbst im Regen trägt er sie, tolle Edelsteine auf der Fassung, mindestens 30, ich habe sie heute gezählt, ganz cooler Junge, macht einfach nix, sitzt nur da, keine Pfeife, leicht braune Handschuhe, alle fahren, wann sie wollen, ist ja auch schnuppe, Hauptsache, er sieht gut aus, seine Goldzähne glänzen in der Sonne, muss ihm morgen mal tief in die Augen schauen, mal sehen, wie er reagiert.